Man weiß nie, wer kommt – You never know who comes to train

Von Plänen und Improvisationen

Eigentlich habe ich einen genauen Plan.
Zwei Trainingsstunden pro Woche habe ich, montags und mittwochs jeweils 60 Minuten.
Diese beiden Stunden sind minutiös getaktet, denn es gibt so herrlich viele unterschiedliche Aspekte im Aikido – und ich möchte meinen Schülern trotz der knapp bemessenen Zeit so viele wie möglich davon zeigen. Aikido ist vielgestaltig, und wenn jemand an einer Stelle verzweifelt, blüht er an einer anderen Stelle vielleicht auf. Diese Chance will ich ihnen geben.

Natürlich müssen sie zuerst stehen, sich drehen und fallen lernen. Außerdem sollen sie von Anfang an awase entwickeln können. Osae- und nage-Techniken wollen bedacht werden. Ich möchte auch, dass sie jetzt schon die Gelegenheit bekommen, auf allerniedrigstem Niveau jiyu waza zu üben. Also:
Montags – hanmi, ukemi, Grundlagen der Etikette, tai no henko, morote dori kokyu ho, osae waza, nage waza, suwari waza kokyu ho.
Mittwochs – das gleiche; allerdings ohne Etikette am Anfang, dafür mit jiyu waza am Ende und einer etwas anderen Zeiteinteilung.
Das ist, eigentlich, mein Trainingsplan. Allein damit sind meine beiden Wochenstunden schon randvoll. Dennoch habe ich zwei Waffensätze im Büro liegen, die ich zum Training mitbringe: Vielleicht ergibt sich ja doch die Zeit für buki waza.
Als ich noch in meinem Heimatdojo unterrichtet habe, funktionierten solche Pläne weitgehend.

Jetzt arbeite ich mit Bühnenkünstlern und Leuten, die diesen Künstlern auf unterschiedliche Weise zuarbeiten. Derzeit, im Januar 2015, kommen drei Schüler regelmäßig, einige weitere öfter und unregelmäßig, einige andere selten und unregelmäßig.
Soll ich sie ermahnen, schimpfen oder anspornen?
Keinesfalls.
Zunächst glaube ich: Wer sich wirklich interessiert, der kommt wieder, und zwar so oft er kann. Desweiteren sind meine deshi an Zeit- und Dienstpläne gebunden, und die Termine entsprechen nicht den gängigen Arbeitszeiten eines durchschnittlichen Arbeitnehmers: Sie sind nur für Leute vom Fach kalkulierbar. Das Aikido-Training gilt als Freizeitgestaltung in den Räumen des Betriebes, und der Dienst geht vor.

Für meinen Trainingsplan bedeutet das:
Er sieht auf dem Papier hübsch aus, ist aber nicht umsetzbar. Nicht einmal im Mindesten. Denn ich weiß nie, wer kommt.
Einige meiner deshi – auch unregelmäßig trainierende – melden sich mittags vom Training ab, wenn sie nicht kommen. Gelegentlich stehen Kollegen in meiner Bürotür, um sich für ein erstes Training anzumelden. Manch einer saust um Punkt halb fünf über die Schwelle des Dojos.
Ich weiß in der Regel um 16.33h, ob mehr als eine Person kommt, und mit wem ich es dann zu tun habe.

Als zwei der „Regelmäßigen“ ein ordentliches hanmi stehen konnten, habe ich mit ihnen buki waza angefangen. Sollte sich nur einer von den beiden einfinden, trainieren wir zu zweit Waffen.
Einem einzelnen Anfänger tachi waza beizubringen, scheint mir kaum möglich: Ein Schüler muss eine Technik erst einmal angucken können, bevor er sie selbst ausprobiert. Und ich als sensei möchte natürlich gucken und helfen können, wenn mein deshi übt. Die Grundlagen des buki waza verlangen keinen uke für eine Demonstration und sind daher leichter zu vermitteln.

Treffen ein absoluter Neuling und ein schon etwas Erfahrenerer aufeinander, weiß ich: Ich kann wenigstens ein bisschen Vielfalt bieten. Dennoch brauchen sie meist viel länger, um etwas herauszufinden, als ich geplant habe: Damit entfallen die Punkte auf meinem Plan, die am Ende der Stunde stehen.

Stehen zwei Neulinge in der Tür, werde ich über die absolute Basis nicht hinauskommen.

Ich beobachte, wie grundlegend beschäftigt selbst meine „Regulären“ noch mit tai no henko oder ikkyo omote sind. Trotzdem zweifle ich in solchen „Basis-Stunden“: Langweile ich die etwas Fortgeschritteneren, wenn ich ihnen immer wieder die gleichen Abläufe vorsetze? Verlieren sie die Lust, wenn sie sich über Wochen hinweg schwer tun damit? Geben sie auf, wenn die Schwierigkeiten der Technik und die Dienstpflichten sich zu übermächtigen Hürden verbinden?
Gerade davor soll meine „bunte“ Planung sie doch schützen – das Planungsgerüst, das ich für jede Stunde neu fülle, und das genau so oft nicht mehr als eine Basis für eine Lehr-Improvisation darstellt.

Soll ich trotzdem noch weiterplanen, um die Farbigkeit des Aikido nicht aus den Augen zu verlieren? Oder mich lieber im Improvisieren üben?

 

About plans and improvisations

Technically, I do have a plan.
There are two weekly training hours, on Mondays and Wednesdays, 60 minutes.
Both hours are clocked by the minute, because there are so plenty many different aspects in Aikido – and despite the short time, I want to show them as many of them as possible. Aikido has many faces, and if someone becomes desperate of one thing, they may flourish with another thing. I want to give them such an opportunity.

Of course, first of all, they need to learn how to stand, turn and fall. Then, they should be enabled to develop awase right from the start. Osae and nage techniques want to be considered. I want to offer them the chance to train jiyu waza on a very low level straight away.
That makes:
Mondays – hanmi, ukemi, basics of etiquette, tai no henko, morote dori kokyu ho, osae waza, nage waza, suwari waza kokyu ho.
Wednesdays – alike; just without etiquette in the beginning, but jiyu waza towards the end and a different time focus.
This is, technically, my training schedule. Such, my two weekly training hours are quite packed. Yet I keep two sets of weapons in my office and bring them for training: Perhaps, there would be a bit of time left for buki waza.
When I still taught in my home dojo, this kind of schedule worked out to a large extend.

Now, I work with performing artists and people who do all sorts of preliminary work for them. At present, January 2015, three students train regularly, some others more often and irregularly, and some more rarely and irregularly.
Should I admonish them, grumble or even urge them to come more often?
Not at all.
First of all, I believe: Those who are really interested will come back, and as often as possible. Furthermore, my deshi are bound to time- and duty schedules, and their times do not correspond to the times of an average employee: There times are only predictable by specialists. Aikido training is considered to be leisure activity in the facilities of the theatre, and duty comes first.

For my training schedule, this means:
It looks pretty on paper, but cannot be realised. Not in the least. Because I never know who comes to train.
Some of my deshi – even some of those who train irregularly – give notice around noon if they won’t appear. Occasionally, colleagues come by at my office to apply for a first training. And sometimes, people dash into the Dojo at 4.30pm sharp.
Usually, at 4.33pm I know, if more than one person comes to train, and who it is I would deal with.

After two of the „regulars“ had learned to stand in proper hanmi, I started training buki waza with them.
In case only one of them shows up, we would train weapons.
Teaching tachi waza for a single beginner seems almost impossible to me: A student has to watch a technique being performed, before he starts trying. And as sensei, I want to watch of course and help, when my deshi practises. The basics of buki waza don’t need an uke for demonstrating and thus are easier to communicate.

In case an absolute beginner and one of the slightly experienced students meet, I know: I can offer at least a bit of variety. But then, they would need more time to find out things than I had planned: The tasks that were scheduled towards the end of the lesson would be omitted.

If two beginners show up in the door frame, I would not be able to go beyond the very basics.

I observe how basically busy even the „regulars“ still are with tai no henko or ikkyo omote. Even so, I’m in doubts during such „basic lessons“: Do I bore the more experienced, if I give them continuously the same movements over and over again? Do they lose keenness, if they struggle with it over weeks? Would they give up, if the difficulty of technique and their duty form insurmountable obstacles?
That’s what my „colourful“ planning was supposed to protect them from – that outline of a plan, that I fill anew for each lesson, and that as often only serves as a base for teaching improvisation.

Should I nevertheless continue to plan the lessons, to not loose sight of the colours of Aikido? Or rather train myself in the art of improvisation?

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3 Gedanken zu „Man weiß nie, wer kommt – You never know who comes to train“

  1. Liebe Christiane,

    明けましておめでとうございます。今年もよろしくお願いします。
    Alles Gute für das neue Jahr!

    Herzlichen Glückwunsch zu einem so treffenden Blognamen und interesanten ersten Beitrag.

    Ich habe derzeit den Luxus von wöchentlich zweimal zwei Stunden. Die Hälfte ist jeweils Bukiwaza, die andere Taijutsu. Bei der Reihenfolge variiere ich. Bei den Waffengattungen rotiere ich monatlich: In ungeraden Monaten wird Dienstags Ken trainiert, Donnerstags Jo und in den geraden Monaten ist es umgekehrt. Soweit zu den Fakten. 🙂

    Ich würde mir an Deiner Stelle keine Sorgen über die akkurate Veranschaulichung von Techniken machen. Persönlich habe ich gerade dann viel von Aikido-Lehrern lernen dürfen, wenn keine anderen Deshi anwesend waren und, auch wenn ich das Lernen mit den Augen sehr schätze: man lernt nur mit dem Körper gut (in Anlehnung an Saint-Exupéry). Gerade mit Schülern, die eine Technik nicht kennen, wird das Training interessant: Was ist die „natürliche“ Reaktion auf eine Technik und warum? Hat meine Technik „Lücken“? Wie reagiere ich auf (Re-)Aktionen jenseits vom Abgesprochenen? Das kann störend sein, wenn mehrere Deshi anwesend sind. Aber in diesem Fall ist ja vielleicht jemand da, der sich zur Demonstration intendierter Übungen besser eignet…

    Just my 2 Yen. 😉

    Viele Grüße,
    Stefan

    Gefällt mir

    1. Lieber Stefan,

      auch Dir ein gutes neues Jahr – und danke für die freundlichen Worte!

      Dein Hinweis auf „natürliche Reaktionen“ brachte mich zum verschämten Schmunzeln: So interessant es – auch meiner Erfahrung nach – ist, mit nicht-Aikidoka zu trainieren (oder auch nur munter und in aller Freundschaft mit jemandem herumzurangeln), so kalt erwischen mich dann doch solche „natürlichen Reaktionen“, auf die ich niemals gekommen wäre. Eine Erinnerung daran, dass es immer etwas zu lernen gibt!

      Außerdem hast Du einen wunderschönen Satz geschrieben: „Man lernt nur mit dem Körper gut“. Ich habe noch ein Artikel-Fragment im Kästchen liegen, zu dem dieser Satz gut passt… demnächst also auf diesem Blog!

      Viele Grüße,
      Christiane

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