Tradition versus Gegebenheiten – Tradition vs. given Facts

Traditionen versus Gegebenheiten

„Ich bin mein eigenes Dojo“ seufzte ich, als ich mich auf einer Seminarliste eintragen sollte. Dort war ein Kästchen für das Dojo vorgesehen, dem man angehört. Zwar fühle ich mich meinem Heimatdojo immer noch sehr verbunden, aber dort trainiere ich, seit ich am Theater arbeite, höchstens in den Theaterferien. Das gilt irgendwie nicht als Antwort auf die Frage „Wo gehörst du hin“.
Wo gehöre ich denn hin, wenn ich nirgendwo auf Dauer trainieren kann?

„Ich bin mein eigenes Dojo“ ist ein Satz, der nicht nur aus japanischer Sicht unsinnig sein muss.
Die japanische Tradition – so hat es sich mir vermittelt – sieht vor, dass ein jeder Mensch in einen Zusammenhang gehört, in eine Gruppe; er lebt entweder unmittelbar mit dieser Gruppe zusammen oder doch wenigstens innerhalb einer Region, aus der sich seine Gruppenzugehörigkeit ableitet. Diese Tradition sieht Sesshaftigkeit vor. Nomadentum war nicht bekannt in jenem Japan, in dem Morihei Ueshiba das Aikido entwickelt hat. Entsprechend ist auch ein einzeln umherziehender Aikidoka ohne festen Anschluss nur mit viel Phantasie vorstellbar.

Das japanische Wort „Dojo“ bedeutet in etwa das gleiche wie das deutsche Wort „Schule“: Eine Stilrichtung, eine Institutione oder die Leute, die dort lehren und lernen. Natürlich kann eine einzelne Person keine „Schule“ sein.
Eine Person kann jedoch anstreben, den Raum um sich herum so zu beeinflussen, dass dieser Raum ein erfüllendes Training ermöglicht – und auf diese Weise zum Dojo wird, das Interessierte einlädt und im besten Fall auch hält.

Wo immer ich hinkomme, möchte ich dem Aikido einen eigenen Ort einräumen und meine Kollegen dorthin einladen. Reicht dieses Bestreben aus, um als „eigenes Dojo“ zu gelten?

Traditions vs. given Facts

„I am my own dojo“ I sighed, when I was asked to enrol on a seminar list. There was some space left for the dojo the applicant belongs to. I still feel deeply connected to my home dojo – but since I started working in theatre, I mainly train there during theatre holidays in summer. That somehow doesn’t count as an answer to the question.
Where, then, do I belong, if I can’t train in a regular place?

„I am my own dojo“ is a phrase that must sound like nonsense not only from a Japanese point of view.
Japanese tradition – that’s what I understood – considers every person belonging to a group; and that person either lives within that group, or at least in an area from which a certain group affiliation derives.

This tradition assumes settlement. Nomadism was unknown in Morihei Ueshiba’s Japan, where he created his Aikido. Thus, a single Aikidoka wandering about without a „homelike” connection seems to need a lot of imagination to be pictured.

The Japanese word „dojo“ is used the same way as the German word „Schule“ („school“; just for a rough translation since German is my mother tongue; the following explanation may fail for English language): A style, an institution or the people who teach and study there. Of course, a single person cannot be a „Schule“.
A person can, however, aspire to affect the room about, so it would enable a satisfying kind of training – and thus becomes a dojo that invites interested people and, in the best case, makes them stay.

Wherever I come to, I’d like to allow Aikido some space and invite my colleagues to it. Is this aspiration enough to count as „own dojo“?

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Ein Gedanke zu “Tradition versus Gegebenheiten – Tradition vs. given Facts”

  1. Es ist eine Weile her, dass ich zuletzt Biografien von O-Sensei studierte und meine Erinnerung mag mich trügen, aber hat dieser Mann im Laufe seines Lebens nicht viel von Japan (und ein bisschen Mongolei) gesehen? Wenn also der Begründer des Aikido viel umherzog, wird es seinem Aikido nicht abträglich gewesen sein. Ist es denn wichtig, ob er (oder andere) es Dojo nannte(n)?

    Was die Begrifflichkeit angeht, liest man auf der deutschen Wikipedia-Seite, dass einerseits der Übungsort, andererseits aber auch die Gemeinschaft der Übenden gemeint sei. Auf den ersten Blick konnte ich letzteren Aspekt auf der japanischen Seite nicht finden. Ich werde bei Gelegenheit mal tiefer graben. Interessante Frage, jedenfalls…

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