Patientia.

„’Patient‘ sein kommt von ‚patientia‘ – ‚Geduld‘,“ sagte meine nette Ärztin und tröstete meine Ungeduld mit der lächelnden Einschätzung, acht Wochen seien für die Heilung eines angerissenen Bandes noch gar keine Zeit, es werde sicherlich noch einen bis vier weitere Monate dauern, bis das Gelenk ausgeheilt sei.

Na wunderbar. „Jauchzet, frohlocket!“ – schrieb Johann Sebastian Bach in sein Weihnachtsoratorium.

Sobald nach meinem Unfall Anfang Oktober die Schmerzen im Fußgelenk nachgelassen hatten, bin ich wieder in jenen meiner beiden Pilateskurs eingestiegen, bei dem vorwiegend auf der Matte und liegend gearbeitet wird. Zusätzlich hatte ich Krankengymnastik bei einem sehr guten Therapeuten, der mir als Hausaufgabe verschiedene Balancierübungen auf einem Bein aufgab, die ich möglichst auf einer instabilen Unterlage ausführen sollte.

Ich entdeckte Indoor Cycling als Laufersatz für mich: Beim Strampeln auf dem Standrad wird der Kreislauf zwar ausdauernd belastet, die Belastung für die Fuß- und Kniegelenke jedoch ist vergleichsweise gering.

Weil die Schwellung im Fußgelenk so gar nicht von „mittelprächtig“ auf „kaum noch zu merken“ zurückgehen wollte, habe ich Ende November ein MRT machen lassen. Das Ergebnis war beruhigend: Bei der Diagnose wurde halbwegs richtig geraten, das Band ist nur an- und nicht durchgerissen, es gibt keine übersehenen Verletzungen und auch keine Komplikationen. Soweit, sogut. Inzwischen konnte ich auch bei meinem anderen Pilateskurs wieder einsteigen, bei dem viel im Stand gearbeitet wird. Auch gut.

Das nagende „Aber“: Das Aikido fehlt mir. Ich war so glücklich darüber, wieder in meinem angestammten Dojo trainieren zu können, mich auf den aktuellen Stand zu bringen und nach einigen „Aufräumarbeiten“ schließlich auch eine Weiterentwicklung in Angriff zu nehmen… und nun diese erzwungene lange Pause?

Meine nette Ärztin konnte das gut verstehen und hat mir eine luxuriös ausgestattete Knöchelbandage in Sockenform verschrieben, die das Gelenk deutlich stabilisiert, und mithilfe derer ich nun wieder vorsichtig buki waza trainieren kann. Meine größte Angst ist, Bewegungen wie gewohnt auszuführen, obwohl das Gelenk noch zu instabil ist, um die Belastung sauber aufzunehmen. Wieder umzuknicken könnte bedeuten, dass das lädierte Band diesmal wirklich vollständig reißt.

Die ersten beiden keiko haben ergeben:

Buki waza ist für eine solche Verletzung gar kein schlechter Wiedereinstieg. Erstens mindern die suburi und stilisierten kumi-Formen das Risiko, fehlzutreten. Bei den suburi bewegt man sehr bewusst die Füsse, und die Drehungen halten sich in Grenzen. Zweitens bilden die Matten jene Art von instabilem Untergrund, auf dem mich auch mein Therapeut einbeinig balancieren lässt, um die Muskulatur wieder zu stärken und den gesamten Fuß mobil zu halten. Das Waffentraining ist so gesehen eine gute Ergänzung zur Krankengymnastik.

Was man mit gesunden Fußgelenken nicht bemerkt ist, dass durchaus größere Kräfte übertragen werden. Selbst ein einfacher choku barai gegen einen beherzten Schwertschlag kommt als deutliche Belastung im Sprunggelenk an, die vergleichbar ist mit einem schweren Schritt beim Hinabgehen einer Treppe. Eine Erkenntnis mit der ich nicht gerechnet hatte.

Sie lehrt mich: In diesem Jahr werde ich gewiss nicht mehr beim tai jutsu einsteigen, und im nächsten Jahr wohl nicht gleich. Ich werde noch einige Wochen lang abseits der Matte „im Kopf“ trainieren müssen. Woher ich die Geduld dafür nehmen soll? Ich weiß es nicht.

In dieser Hinsicht bin ich gleichzeitig Patient… und nicht patient.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s